2006/01/01

Aufbruch in die Neuromusikologie?

In der 58. Arbeitstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt wurde auch das Thema 'Hören - Sehen - Wahrnehmen' behandelt.

Aufbruch in die Neuromusikologie? Dieser Frage stellt sich Janina Klassen in 'Musik zwischen Herz & Hirn', ihrem Beitrag zu dieser Tagung. Das Musiklabor hat einige interessante Details aus diesem Beitrag für Sie herausgearbeitet:

Janina Klassen identifiziert und proklamiert den charismatischen Charakter der Musik. (Klassen, 2005, 45)

Janina Klassen bezieht sich in Ihrem Beitrag auf Diskurse in Kunst und Wissenschaft, die die artifizielle Kunst als Ort des Humanen, verbunden mit Intimität und Innigkeit gelten lassen (vgl. Klassen, 2005, 42).

Kritisiert werde jedoch in diesen Beiträgen „zugleich mit der ästhetischen Sublimation auch der Verlust an Körperlichkeit.“ (Klassen, 2005, 42f.)

Janina Klassen zieht Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Forschung heran, wenn sie hervorhebt, dass die sensorische Wahrnehmungen vor allem eine hohe kognitive Interpretationsleistung beinhalten. (Klassen, 2005, 43)

Und Janina Klassen weist auf die erfolgreiche Kooperation zwischen Hirnforschung, Musikpädagogik und Musikpsychologie hin. (vgl. Klassen, 2005, 42)

“Generell eint Musik- und Neurowissenschaften das Interesse an Wahrnehmung, an der Erforschung von Gefühlen und den subjektiven bewussten und unbewussten Anteilen bei der Interpretationsleistung sensorischer Systeme vom Gehirn, ein Interesse, …“(Klassen, 2005, 43)
Von Interesse sind neben dem Verhältnis von Ästhetik und Körper, dem Gedächtnis und den nicht-sprachlichen Überlieferungen auch die synästhetischen Zusammenhänge zwischen sensorischen musikalischen Informationen und ihren sprachlichen Beschreibungen. (Klassen, 2005, 43f.)

Musik ist auch ein attraktives Untersuchungsgebiet für die Neurowissenschaften, „weil sie eine Präsenzkunst ist, die, unbeschadet vom Entstehungsalter und der möglichen Last ihrer Geschichte, bei jeder neuen Realisierung gegenwärtig aktuell erklingt.“ (Klassen, 2005, 45)

Musik kommt nach Janina Klassen seit den Empfindsamkeitsentwürfen des 18. Jahrhunderts immer dann als ‚Sprache des Herzens’ ins Spiel, wenn das Herz in sprachlichen Metaphern das Gefühlszentrum repräsentiert. Dem Herzen wird dann oft das Gehirn gegenübergestellt, hier stehen in metaphorischer Bedeutung eher Eigenschaften wie Rationalität und Kälte im Vordergrund. (Klassen, 2005, 42)

Janina Klassen bezieht sich auf Forschungserkenntnisse, wonach beim bloßen Betrachten von Aktionen entsprechende motorische Hirnreale aktiviert werden. Mit Hinweis auf Wolf Singer (Das Bild in uns – Vom Bild zur Wahrnehmung) erklärt die Autorin:

“Informationen aus Sinnesreizen gelten dann als besonders gewiss, wenn verschiedene sensorische Systeme sie bestätigen und wir einen Vogel, den wir singen hören, auch sehen können. Diese im Gehirn angelegte Tendenz zur Synästhesie kann soweit gehen, dass ein sensorisches System auch ohne entsprechenden sinnlichen Reiz aktiviert wird, wie bei der Puppe eines Bauchredners“ (Klassen, 2005, 40)

Janina Klassen stellt in ihrem Artikel eine Reihe ausgewählter Projekte von Kunstschaffenden vor, die gezielt Effekte multimodaler Wahrnehmungen in ihrer Performance gearbeitet haben.

So wurde beispielsweise mit akustischen Reizen gearbeitet, die bis zur Wahrnehmungsschwelle abgesenkt werden, so dass die Besucher mit den Grenzen der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit konfrontiert und zur aktiven Auseinandersetzung mit den eigenen kognitiven Reaktionen und dem eigenen Körper herausgefordert werden. Dabei kann die traditionelle Trennung zwischen Komponierenden, Interpreten und Rezipienten verschwimmen, erklärt Klassen und schreibt:

„Das Wahrnehmungsobjekt entsteht in der aktiven Auseinandersetzung als kognitive Leistung.“ (Klassen, 2005, 41)

Damit knüpft Janina Klassen erneut an eine Problematik an, mit dem sich bereits Arthur Schopenhauer in seiner Philosophie auseinandergesetzt hatte:

’Die Welt ist meine Vorstellung’, dieser Satz wird von Schopenhauer neben den Axiomen Euklids gestellt, und Arthur Schopenhauer erklärte dann auch umgehend, dass es sich bei diesem Satz um einen handele, „…den jeder als wahr erkennen muß, sobald er ihn versteht; wenn gleich nicht ein solcher, den Jeder versteht, sobald er ihn hört.“ (Schopenhauer, 1987, 14)

Schopenhauer gab sich sicher, ’den wesentlichen und allein richtigen Ausgangspunkt und zugleich den wahren Stützpunkt aller Philosophie’ gefunden zu haben: „Dieser ist wesentlich und unumgänglich das S u b j e k t i v e, das eigene B e w u ß t s e y n. Denn dieses allein ist und bleibt das Unmittelbare: alles Andere, was immer es auch sei, ist durch dasselbe erst vermittelt und bedingt, sonach davon abhängig. Daher geschieht es mit Recht, dass man die Philosophie der Neueren vom C a r t e s i u s, als den Vater derselben, ausgehn läßt. Auf diesem Wege weiter gehend gelangte, nicht lange darauf, B e r k l e y zum eigentlichen I d e a l i s m u s, d. h. zu der Erkenntniß, daß das im Raum Ausgedehnte, also die objektive materielle Welt überhaupt, als solche, schlechterdings nur in unserer V o r s t e l l u n g existirt, und dass es falsch, ja absurd ist, ihr, als s o l c h e r , ein Daseyn außerhalb aller Vorstellung und unabhängig vom erkennenden Subjekt beizulegen, also eine schlechthin vorhandene an sich seiende Materie anzunehmen.“ (Schopenhauer, 1987, 14-15)

Nun ist seit der Entwicklung der Philosophie von Schopenhauer bereits einige Zeit ins Land gegangen. Die mit selbstbewusstem Habitus vorgetragenen Reflexionen des berühmten Philosophen gehören mittlerweile womöglich eher zum unbewusst Mitbewussten, als zum typischen wissenschaftlichen Selbstverständnis.

Doch auch ein wissenschaftliches Selbstverständnis lässt sich vielleicht nur mit hohem Aufwand von wahrnehmenden Subjekten, d.h. von Wissenschaftlern trennen. Dies gilt nach wie vor, auch wenn der brillante Denker und Systemtheoretiker Niklas Luhmann so manchen kühnen Adepten vorübergehend auf andere Fährten locken konnte...

Jedoch ist zumindest nach Janina Klassen die derzeitige Euphorie groß und dahingehend, dass mit dem Aufschwung der Gehirnforschung auch das Interesse der Forschung nun wieder auf den konkreten Mensch und auf die Erforschung multimodaler Aspekte gerichtet ist.

“Die derzeitige Euphorie ist groß. Gemeinsam mit dem rasanten Aufschwung der Neurowissenschaften haben sich vor allem in Musikpsychologie und Musikpädagogik längst dramatische Erkenntnismöglichkeiten und Fachperspektiven eröffnet, so dass fast schon von einer ‚neuromusikalischen’ Forschung gesprochen werden könnte.“ (Klassen, 2005, 37)

Aus dem breiten Spektrum neurowissenschaftlicher Themen greift Janina Klassen zwei heraus.

Im ersten Thema wird der Menschen wieder als körperliches Individuum verstärkt in den Fokus der wissenschaftlichen Beobachtung gerückt, das zweite Thema beinhaltet einen möglichen Bezug zur wissenschaftlich fundierten Sprachphilosophie:

„…die Arbeit mentaler Repräsentationssysteme, das heißt die Vergegenwärtigung von sinnlichen Wahrnehmungen und von Sprache im Gehirn, und zum zweiten die geschärfte Aufmerksamkeit auf die sensorischen Funktionen und die Fähigkeiten des Körpers. Während die Sinnesmodalitäten unmittelbare Informationen aufnehmen und als Impulse weitergeben, vermittelt Sprache Wahrgenommenes durch ein abstraktes System.“

Doch Janina Klassen streift in Ihrem Beitrag erst gar nicht mehr die im vergangenen Jahrhundert so aktuell gewordenen systemtheoretische Perspektive von Niklas Luhmann. Dieser neigte doch sehr stark dazu, abstrakte Systeme zu betrachteten und dabei den wahrnehmenden Menschen aus der Perspektive der Beobachtung der Moderne zu rücken.

Janina Klassen distanziert sich dagegen vielmehr von traditionellen Kunstdebatten, in denen die kognitive Leistungen und sinnliche Eindrücke als getrennte Aspekte abgehandelt werden.

Dagegen erkennt Janina Klassen ’eine Fülle von Argumenten’ aus der Gehirnforschung für ein Zusammenwirken der Phänomene Geist und Sinnlichkeit. (vgl. Klassen, 2005, 38)

Mit Janina Klassen kann damit den Aspekt von Integration thematisiert werden, der bereits von Karl Hörmann in seinen Schriften zur Musiktherapie explizit und ausdrücklich betont und hervorgehoben wurde. Hier sei an die Rhythmisch-Energetischen-Strukturanalyse erinnert, die von Karl Hörmann weniger im Sinne der Beobachtung der Moderne als vielmehr im Sinne der Beobachtung des lebendigen Menschen herausgearbeitet wurde.

Auch in den Beiträgen des Musiklabor-Netzwerks zur ressourcenorientiert-integrativ-multimodalen Konzeption findet sich dieser multimodal-integrative Fokus wieder (vgl. hierzu die zur RIM-Therapie und RIM-Pädagogik auf dieser Internet-Seite).

Wer mehr über die künstlerischen Projekte im Bereich multimodaler Musikrezeption wissen möchte oder tiefer in das Thema Neuromusikologie eindringen möchte, dem sei der originelle Beitrag von Janina Klassen empfohlen.

verwendete Quellen:

Hörmann, Karl (2004) Musik in der Heilkunde. Münster: Paroli.

Klassen, Janina (2005) Musik zwischen Herz & Hirn. Aufbruch in die Neuromusikologie? In: Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt (Hrsg.) Hören und Sehen – Musik audiovisuell. Mainz: Schott.

Luhmann, Niklas (1992) Beobachtungen der Moderne. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Schopenhauer, Arthur (1987) Die Welt als Wille und Vorstellung. Band 2. Stuttgart: Reclam.

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