2005/11/17

RIM-therapeutische Perspektive

1. Wofür steht RIM?

Mit einem RIM-Faktor könnte gemessen werden inwieweit eine Therapie 1. ressourcenorientiert, 2. integrativ und 3. multimodal ist.
Im Jahr 2004 arbeitete ich im Rahmen meiner Diplomarbeit 'Musiktherapie in der Psychiatrie' drei Qualitätskriterien heraus, mit denen zukünftig unterschiedliche therapeutische Methoden beurteilen werden sollten. Ich war am Ende meiner musiktherapeutischen Ausbildung von der Methode der Hörmann'schen Musiktherapie begeistert. Die auf der Rhythmisch-Energetischen-Strukturanalyse basierende Musiktherapie von Dr. Dr. Karl Hörmann betrachtete ich hinsichtlich dieser drei Dimensionen als hochwertiges Modell, sozusagen als einen Standard, an dem therapeutische Methoden gemessen werden könnten. Das war die Idee. Ich hatte beschlossen die begonnene Arbeit fortzusetzen und schrieb mich an der Deutschen Sporthochschule Köln ein um meine Untersuchung fortzusetzen über die musiktherapeutischen Möglichkeiten in der Sozialarbeit zu promovieren. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass ich mich auf eine lange Reise aufgemacht hatte (8.11.2015).

RIM steht für ressourcenorientiert, integrativ und multimodal.

2. Lösungsorientierte Kurzzeittherapie

Steve de Shazer hat wichtige Basisarbeit für die ressourcenorientierte Psychotherapie geleistet.

„Probleme sind Probleme, weil sie aufrechterhalten werden. Sie werden einfach dadurch zusammengehalten, dass man sie als „Probleme“ beschreibt.“ (Steve de Shazer, 2002, 27)

„Im Allgemeinen erfordern Lösungen einfach, dass jemand etwas anders macht oder etwas anders sieht, was zu einer größeren Zufriedenheit führt.“ (Steve de Shazer, 2002, 28)

“Da der Therapeut sofort von Beginn der Sitzung an auf das fokussiert hat, was der Klient schon macht und zwar erfolgreich macht, wird Kooperation … bereitwillig entwickelt und gefördert.“
(Steve de Shazer, 28)

3. Problemorientiert Perspektive

Wenn Psychotherapie von einer Krankenkasse finanziert werden soll, ist eine defizitorientierte Perspektive gefragt. Denn erst indem eine Störung aufgezeigt wird, begründet sich die Notwendigkeit einer Behandlung.

Standardisierte Instrumente der defizitorientierten therapeutischen Perspektive stellen diagnostische Diagnosemanuals wie DSM-IV, ICD-10, OPD, …

Wenn Störungen eingeordnet werden sollen, bieten diese Manuale eine erste Orientierung. Hier findet sich eine defizitorientierte Perspektive auf die Persönlichkeitsstörungen. Eine Selbstreflexion zur defizitorientierten Perspektive gehört inzwischen natürlich zum Standard. Vergleiche hierzu 'Das Stigmatisierungsproblem’ (Peter Fiedler, 2001, 11-21).

Das 653 Seiten umfassende Buch ‚Persönlichkeitsstörungen’ in dem „exakt 175 Persönlichkeitsstörungen vorgestellt und mehr oder weniger ausführlich beschrieben werden“ (Fiedler, 2001, XIV), erschien erstmals 1994 und wurde 2001 bereits in der 5. Auflage veröffentlicht.

Professor Dr. Peter Fiedler vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg definiert hier: „Persönlichkeit und Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen sind Ausdruck der für ihn charakteristischen Verhaltensweisen und Interaktionsmuster, mit denen er gesellschaftlich-kulturellen Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen und seine zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Suche nach einer persönlichen Identität zu füllen versucht.“
(Fiedler, 2001, 3)

Hierzu erläutert der Autor:

„Persönlichkeitseigenschaften werden üblicherweise erst dann mit dem Etikett „Persönlichkeitsstörung“ belegt, wenn sie deutlich in Richtung eines Leidens der Betroffenen (etwa unter der Last ihrer Gewohnheit“ oder in Richtung Dissozialität oder (anti)sozialer Devianz extremisieren. Da die Übergänge zwischen sozial akzeptierter und sozial nicht akzeptierter Abweichung sehr kontextabhängig und fließend sind, erfolgt die Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ fast zwangsläufig in einem Bereich persönlicher und zwischenmenschlicher, wissenschaftlich und gesellschaftlich-kultureller Streitfragen und Konfliktzonen.“ (Fiedler, 2001, 4)

Unter der Überschrift „Das Stigmatisierungsproblem“ setzt sich der Autor mit dem Begriff „Psychopathie“ und dessen Begründungsversuche auseinander. Gefragt wird „warum die meisten der früheren und selbst noch manche der aktuellen Versuche einer wissenschaftlich motivierten Definition und Beschreibung der Psychopathie wie Kataloge schlechter Eigenschaften, menschlicher Fehlverhaltensweisen und asozialer Tendenzen klingen.“ (Fiedler, 2001, 5)

In dem später erschienenen Buch 'Integrative Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen' geht Professor Peter Fiedler das Stigmatisierungsproblem erneut an, diesmal, indem er zwischen Persönlichkeitsstilen und Persönlichkeitsstörungen unterscheidet. In der Bemühung, über die bloße Psychopathologie hinaus zu gehen, arbeitet Professor Peter Fiedler das positive Potential von Persönlichkeitsstilen heraus.
Hierzu begrenzt sich Fiedler auf die Unterscheidung von 12 Persönlichkeitsstilen, die den entsprechenden Persönlichkeitsstörungen zugeordnet werden:

1.) misstrauisch-scharfsinnige Persönlichkeit (paranoide Persönlichkeitsstörung)
2.) Zurückhaltend-einzelgängerische Persönlichkeit (schizoide Persönlichkeitsstörung)
3.) Ahnungsvoll-sensible Persönlichkeit (Schizotypische Persönlichkeitsstörung)
4. abenteuerlich-risikofreudige Persönlichkeit (Dissoziale Persönlichkeitsstörung)
5. Spontan-sprunghafte Persönlichkeit (Borderline-Persönlichkeitsstörung)
6. Expressive und selbst darstellende Persönlichkeit (Histrionische Persönlichkeitsstörung)
7. Ehrgeizige und sich selbst bewusste Persönlichkeit (Narzisstische Persönlichkeitsstörung)
8. Selbstkritisch-vorsichtige Persönlichkeit (Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung)
9. Anhänglich-loyale Persönlichkeit (Dependente Persönlichkeitsstörung)
10. Sorgfältig-gewissenhafte Persönlichkeit (Zwanghafte Persönlichkeitsstörung)
11. Passiv-pessimistische Persönlichkeit (Depressive Persönlichkeitsstörung)
12. Kritisch-zögerliche Persönlichkeit (Negativistische Persönlichkeitsstörung)

vgl.: Fiedler, Peter (2001) Integrative Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Göttingen: Hogrefe

4. Ressourcenorientierte Perspektive

Für Personen, die sich im Rahmen von Selbstbeschreibungen eher negative Persönlichkeitsmerkmale zuschreiben, empfiehlt sich womöglich der Blick in die ressourcenorientierte Fachliteratur.

Information, die aufgenommen und verarbeitet werden, beeinflussen das Denken und Handeln. Daher wirkt sich eine pathologische Perspektive auch auf die therapeutische Arbeit aus. Deshalb ist die Auswahl der Fachliteratur von Bedeutung. Eine pathologische Perspektive unterscheidet sich von einer   salutogenetischen Perspektive wie die Psychopathologie von der Gesundheitswissenschaft.

Ein Diagnostiker, der seine Wahrnehmung auf Störungen, Defizite und auf abweichendes Verhalten fokussiert, unterscheidet sich von einem Therapeuten, der die Fähigkeiten und Ressourcen seiner Klienten stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit rücken kann.

5. RIM-Perspektive

R - Ressourcenorientiert
I - Interativ
M - Mulimodal

Es sei darauf hingewiesen: Eine RIM-Perspektive ist eine betont ressourcenorientierte multimodale Perspektive, die auf Integration setzt und damit den vorangegangenen differenzierenden Schritt ergänzt.
Dies bedeutet keineswegs, dass jegliche pathologische Perspektive ausgeblendet und ignoriert wird. Jedoch wird entsprechend der RIM-therapeutischen Perspektive von Fierus (2004) darauf geachtet, dass die Proportionen in ein adäquates Verhältnis gerückt werden.

Dabei gilt es, sich an der Entwicklung der Forschung zu orientieren und die aktuellen Forschungsergebnisse in einer aktualisierten therapeutischen Praxis zu berücksichtigen.
De Shazer hat bereits 1988 sehr nachdrücklich auf den zu begehenden Paradigmenwechsel hingewiesen und mit seinen Beitägen zur lösungsorientierten Kurzzeittherapie einen wichtigen Beitrag für die Gesundheitsforschung geleistet.

Heute ist Gesundheitswissenschaft kein Schlagwort mehr, sondern bereits in einem erheblichem Grade institutionalisiert.
Einen wertvollen und sehr aktuellen Beitrag hat auf diesem Gebiet die Resilienzforschung geleistet. Auch im Bereich der Musikpädagogik und Musiktherapie hat sich hier einiges getan, siehe hierzu die Arbeit von Frau Dr. Yolanda Bertolaso, die sich durch eine ausgeprägte ressorcenorientiert-integrativ-multimodale Perspektive auszeichnet:

Bertolaso, Yolanda (2004) Resilienz in Pädagogik und Künstlerischer Tanztherapie. Münster: Paroli.

Einen ressourcenorientiert-integrativ-mulitimodalen Standard bietet die auf die Rhythmisch-Energetische-Strukturanlyse (RES-Analyse) basierende Hörmannsche Musiktherapie.

Literatur:
Fierus, Gerd (2004) Künstlerische Therapien in der Psychiatrie, (Diplom-Arbeit kann über den Verfasser bezogen werden).
Hörmann, Karl (2005) Musik in der Heilkunde, 1. Aufl. 2004, Münster: Paroli.
Steve de Shazer wurde zitiert aus:
Steve de Shazer (2002) Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzzeittherapie. 7. Aufl. (1988), Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Zum Begriff des RIM-Therapie vergleichen Sie:

Fierus, Gerd (2004) Künstlerische Therapien in der Psychiatrie. unveröffentlichte Diplom-Arbeit.

Bei Interesse an meiner Diplom-Arbeit finden Sie die Kontaktdaten im Impressum.

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