2006/04/26

Familienpolitik ignoriert wichtige Erkenntnisse

Spätestens seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es stimmige wie konstruktive Konzepte für eine flächendeckende Förderung von Kindern ab ihrer Geburt. Eines wurde von dem Japaner Shinichi Suzuki entwickelt, der im Rahmen eines Studienaufenthaltes von über 8 Jahren in Deutschland auch in Genus der Gastfreundschaft von Albert Einstein kam.

Shinichi Suzuki beklagte, dass es in jedem Land der Welt zahllose Eltern gäbe, „die in Unkenntnis richtiger Erziehungsmethoden unglückliche, verkrümmte Persönlichkeiten heranziehen.“ Shinichi Suzuki in Starr, 1974, 16) Der große japanische Pädagoge wünschte sich bereits in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, das die Länder der ganzen Welt so schnell wie möglich nationale Pläne für Kindererziehung und –pflege aufstellen und ausführen, die auf einem angemessenen Wissen darüber basieren, wie dies vollbracht werden kann.

Seine ressourcenorientierte Pädagogik entwickelte Shinichi Suzuki vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Wachstumsprozesse auf der Stimulation von außen reagieren. Shinichi Suzuki war davon überzeugt, dass mittels Einwirkungen einer positiv gestalteten sozialen Umwelt in hervorragender Weise Fähigkeiten gefördert werden können. Hierzu setzte der Pädagoge in besonderer Weise auf die Schulung der Eltern. Der Pädagoge Suzuki ist von dem entscheidenden Einfluß der sozialen Umwelt überzeugt, und betonte explizit: den Einfluß der sozialen Umwelt ab der Geburt.
Da die Erziehung im frühen Alter bei den Eltern liegt und Suzuki die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die Entwicklung des Kindes kannte, setzten seine pädagogischen Bemühungen mit einer systematischen Befähigung der Eltern an. Zunächst sind die Eltern gezielt zu befähigen, damit sie wissen, wie sie ihr Kind aufziehen und unterrichten können. Shinichi Suzuki gehörte zu den Ausnahmepädagogen, er hatte die Bedeutung der frühen Kindheit nicht nur begriffen, sondern entwickelte auch ein humanes und qualitativ hochwertiges Konzepte zur Erziehungsförderung. Seine Methode wurde von ihm selbst "Muttersprachenmethode" genannt. Sein Konzept bestand darin, die soziale Umwelt des Kindes zu optimieren, er betonte die wertvolle Bedeutung der sozialen Einflüsse auf das Kind, die es zu optimieren gilt. Förderung statt Vernachlässigung. Föderung statt Hemmung der Entwicklung. Der geniale Pädagoge mit Herz zeigte bereits sehr früh auf, wie wichtig etwa die strukturelle Gestaltung des Lernfeldes für die Aufwachsenden sind und lehrte einer großen Anhängerschaft dieses Lernfeld gezielt zu otimieren. Obschon Suzuki für die Ausbildung von Vorschulkindern an der Geige bekannt wurde, zielte seine Pädagogik nach seiner eigener Darstellung vor allem auf die Ausbildung einer guten und wertvollen Persönlichkeit, dieses proklarierte Suzuki als das definitive primäre Ziel. Ob ein Kind sich später zum Berufsmusiker weiterentwickeln würde, betrachtete er in seinen Schriften und Vorträgen als sekundär. Shinichi Suzuki hoffte mit seinen pädagogischen Bemühungen auf nicht weniger als darauf, dass "eine viel bessere Atmosphäre der Verständigung und des Friedens zwischen den Menschen erwachsen könnte, wenn alle Nationen und Rassen sich viel mehr mit diesem Erziehungstil beschäftigen würden." (Shinichi Suzuki in: Starr, 1974, 14) Zur politischen Umsetzung schlug Suzuki vor:
"Als nationale Politik ist es unerläßlich, im ganzen Land, in den Großstädten, Kleinstädten und Dörfern Erzieher einzusetzen, die, sobald ein neugeborenes Baby registriert ist, in Familienbesuchen die Eltern darüber unterrichten, wie das Kind auf bestem Weg in gesundheitlicher Richtung und mit Blick auf die Entwicklung seiner Fähigkeiten von Beginn an aufgezogen werden soll. Die Eltern sollten angeleitet werden, wie sie dies alleine tun und wie sie eine tiefe persönliche Beziehung zu dem Kind aufbauen können. Der Lehrer würde dann in seinem Gebietregelmäßig besuche machen, den Eltern weitere Hilfestellungen geben und die Entwicklung des Kindes überwachen." (a.a.O.)

Shinichi Suzuki hatte eine große Vision, für die er tatkräftig eintrat, sowohl in Japan als auch bei den Vereinten Nationen in New York (1968).

Die Arbeit Shinichi Suzuki hat sehr für die konstruktive Entwicklungen in der Welt beigetragen. Leider blieben jedoch gerade in Deutschland die zentralen Erkenntnisse des großen japanischen Musikpädagogen weitgehend folgenlos, zumindest was die tatsächlich realisierte Sozial- und Familienpolitik bis zum heutigen Tage betrifft.

Während Japan sehr viel von Deutschland gelernt und übernommen hat, hat Deutschland die offerierten Angebote des großen Japaners schlicht und einfach ignoriert. Die von Suzuki angestrebte flächendeckende Frühförderung konnte bislang noch nicht einmal mangelhaft realisiert werden. Ungenügend. Denn sie ist nicht im Ansatz vorhanden.

“Krippenplätze beispielsweise gibt es in den westlichen Flächenländern gerade mal für 2,4 Prozent der unter Dreijährigen, in Schweden hingegen für alle, die es wollen.
… Auch die Angebote zur Betreuung von Vorschulkindern sind hierzulande rar. Und in der Schule geht es so weiter: Die Kinder kommen in der Regel mittags nach Hause, zu unregelmäßigen Zeiten.“ (Brand et al, 2006, 45)

Shinichi Suzuki hat vor 40 Jahren mit seiner über die bloße Musikpädagogik weit hinausgehende Konzeption 'Samen' in der Welt 'gesät'. Und dieser Samen hat mancherorts Früchte getragen. Dies erfolgte in den letzten 40 Jahren vor allem außerhalb von Deutschland. Deutsche Sozialpolitiker, deutsche Familienpolitiker scheinen den großen japanischen Pädagogen seit 40 Jahren konsequent ignoriert zu haben.

Quellen:

Starr, William (1974) Die Suzuki-Violin-Methode. Ein Handbuch für Lehrer, Eltern und Studenten. Regensburg: Gustav Bosse Verlag.

Brandt, Andrea; Kraft, Steffen; Meyer, Cordula, Neumann, Conny (2006) Die Frauen-Falle. In: DER SPIEGEL, Nr. 17, 24.4.2006 Seite 34-45.

Kommentare:

A. Haasz hat gesagt…

Haben Sie Kinder?

Musiklabor hat gesagt…

Nein.

Musiklabor hat gesagt…

Sehr geehrter Her Haasz,

Von der Wirksamkeit und der Möglichkeiten sozialer Einflußnamen überzeugt, arbeite ich soziotherapeutisch in der Sozialpsychiatrie.

Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass eine Umsteuerung monetärer Mittel sinnig und vernünftiger wäre.

Wenn Sie zur Kenntnis nehmen, wie Kinder im sozialen Kontext der Armut aufwachsen können Sie möglicherweise bestimmte Zusammenhänge erkennen, etwa
zwischen:
- Armut und sozialer Desintegration
- Armut und Ausbildung,
- Armut und psychischer Erkrankung
- etc.

Es ist nicht wenig Zeit, die ich beruflich in den Räumen meiner Klienten verbringe.

Meine Ausbildung erfolgte zum Teil im Jugendamt von Duisburg, einer Großstadt in NRW.

Die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen müssen, können sehr hart sein.

Ein adäquates flächendeckendes Hilfsangebot für Kleinkinder und Vorschulkinder, die in armen Verhälnissen aufwachsen existiert in Deutschland leider nicht.

Statt dessen gibt es die Strategie punktueller Hilfen.

Hier findet sich der Sozialarbeiter im allgemeinen sozialen Dienst (Jugendamt), der eine gewisse Fallzahl zu betreuen hat. Die Arbeit im Jugendamt ist keineswegs flächendeckend, sondern punktuell. Betreut werden vor allen Kinder bzw. Eltern mit Kindern, die bereits auffällig geworden sind.
Die Tragödie besteht jedoch in den mangelhaften Angeboten flächendeckender Angebote für das Alter der frühesten Kindheit.
Wenn Hilfen, wie so oft, erst nach Jahren erfolgen, resultieren daraus langfristige Schäden, die hätten verhindert werden können.

Ein Großteil meiner erwachsenen Klienten kann von einer wahrhaft erschreckenden Kindheit berichten.

Eine Gesellschaft, die ihre kleinsten Kinder vernachlässigt, darf nicht erwarten, das dies ohne bedauernswerte Folgen bleibt.

Betrachten wir das politische Engagement, wenn es um die Verteilung öffentlicher Gelder geht, findet sich sehr viel Energie bei denjenigen, die eine kleine Elite fördern möchten.

Die sichtbare Folge ist, dass vor allem Kinder, die ohnehin in finanziell guten Verhältnissen aufwachsen, in einem auffallendem Grade zusätzlich mit öffentlichen Geldern gefördert werden.

Dies ist aus der Perspektive einer engagierten Sozialarbeit zu kritisieren und aufzuzeigen!

Doch dies ist nur eines.

Ein ganz entscheidender Kritikpunkt meines Beitrages verweist darauf, dass dem jüngeren Kinde mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung gewidmet werden sollte, als den älteren.

Und gerade hier ist auf die katastrophale Versorgungssituation von Kindern im Säuglings- bis zum Schulalter hinzuweisen.

Dabei geht es mir etwas weniger um Kinder, die in einem gut situierten sozialen Kontext aufwachsen, sondern um Kinder, bei denen dieses nicht der Fall ist.
Gerade bei letzteren gilt es flächendeckende Hilfsangebote zu installieren.

Ich hoffe, mein Anliegen mit diesem Kommentar nun doch etwas klarer und eindeutiger formuliert zu haben.

A. Haasz hat gesagt…

Sie haben sicher Recht mit den Bemerkungen zur Armut.

Davon abgesehen gibt es auch soziale Vernachlässigung bei "gut Situierten", vielleicht gerade auch dort.

Vielleicht haben Sie durch Ihre Arbeit eine etwas "einseitige" Wahrnehmung.

Ich habe sehr enge Freunde, die hier in der Sozialarbeit tätig sind, konkret in der Familienhilfe, und ich weiss, dass sehr sehr viel in Familien schief gehen kann, speziell wenn neben "Armut" noch Drogen, psychische Erkrankungen, Schädigungen aus der eigenen Kindheit (Eltern drogensüchtig, gewalttätig etc, etc) dazu kommen.

Es gibt zweifellos auch viele Fälle, in denen Eltern hoffnungslos überfordert sind, z.B. weil sie wegen der "Kinderknappheit" nicht mit kleinen geschwistern gross geworden sind und schlicht das "praktische" Wissen fehlt.

Ich bin aber sehr skeptisch, was Erziehungskonzepte angeht, erst recht, wenn die verordnet werden sollen. Ich erinnere mich gut an die beginnenden 80er, in der Zeit habe ich einmal ein paar Semester Sozialwissenschaften eingelegt. Damals war der Behaviourismus und die daraus resultierenden Erziehungskonzepte angesagt - von denen man heute nichts mehr wissen will. Nicht vergessen, weil selbst erlebt, sind auch Konzepte in der Schule wie die "Ganzheitsmethode" zum Schreibenlernen.

Zur Zeit sind frühkindliche Förderung angesagt, möglichst noch frühere Einschulung, wenn nicht möglich dann wenigstens zwangsweise Kindergarten etc. Für mich kommt das aus neoliberalem Leistungsdenken, dass schon die kleinsten Kinder zu besseren Leistungen "fördern" will.

Das ist der Mainstream.
Ich will Ihnen auf keinen Fall unterstellen, dass Sie so etwas befürworten. Mit Sicherheit haben Sie recht, wenn Sie mehr Unterstützung für Eltern aus sozial prolematischen Verhältnissen fordern, für mehr Familienhilfe z.B.. Und Sie haben mit Sicherheit recht, wenn Sie feststellen, dass ein allgemeines Klima "sozialer Kälte" verheerend wirkt - übrigens auch bei denen, die vordergründig profitieren, aber oft mit "undefinierbaren" Ängsten bezahlen.

Aber nicht generell eine flächendeckende therapeutische Behandlung fordern, wo möglich noch von Behörden verordnete Zwangserziehungen oder ..förderung in Kindergärten etc.

PS: alle unsere Kinder waren bzw. sind im Kindergarten und lernen Instrumente- aber freiwillig.

Musiklabor hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Haasz,

vielen Dank für ihren Beitrag. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich den Netzwerk-Gedanken in meinem blog etwas besser etablieren könnte, so dass die Möglichkeit zu diskutieren bzw. zu kommentieren angestoßen werden könnte. Doch das wird noch etwas dauern …

Ich kann Ihnen übrigens im Kern Ihrer Aussagen voll zustimmen.

So bestehe ich sogar darauf, dass ich eine individuelle Wahrnehmung habe, auch wenn ich das nicht unbedingt als „einseitig“ beschreiben würde. Eine echte einseitige Wahrnehmung hätte doch den Vorteil, dass man sich einiges an Reflexion sparen könnte, von anderen besser eingeschätzt werden könnte, und tatsächlich eine sehr klare Linie hätte, …

Als Kind habe ich übrigens meine Freiheit sehr genossen, die Vorstellung, in eine Ganztagsschule gehen zu müssen, wäre für mich eine unakzeptable Zumutung gewesen.

Ich teile auch Ihre verurteilende Ansicht über zwangsverordnete Erziehungskonzepte.

Die Frage nach der Persönlichkeit eines Erziehenden – seien es die leiblichen Eltern, Adoptiveltern, Erzieher, Pädagogen, Lehrer, Therapeuten, Großeltern, ältere Geschwister, Freunde etc. – halte ich allerdings für überaus spannend.

Ich bin allerdings der Überzeugung, dass Menschen mit ’guten Eigenschaften’ im sozial relevanten Umfeld von besonderer Bedeutung sind.

Was sind nun aber gute Eigenschaften?

Dies ist eine sehr schwierige Frage. Haben Sie schon einmal versucht, gute Eigenschaften zu formulieren und diese in eine Rangfolge zu bringen?

Wenn ich über die Qualität einer ausreichend ‚einseitigen Wahrnehmung’ verfügen würde, wäre es mir womöglich bereits gelungen eine zeitlich überdauende Wertehierarchie zu konstruieren und daran festzuhalten, schreibe ich hier mit Ironie. Tatsächlich bin ich allerdings der Überzeugung, dass eine Flexibilität der Wertbildung mir persönlich etwas mehr Spaß und Lebensfreude bereitet.

Dennoch lege ich Wert darauf, meine Werte im situativen Kontext immer wieder neu gewichten zu können. Und ich erfreue mich manchmal daran, die eigenen Werte und die meiner sozialen Umgebung kommunikativ zu erkunden und zu hinterfragen.

Ich habe übrigens den Verdacht, dass nicht jede wünschenswerte ‚gute Eigenschaft’ gelehrt und durch Ausbildung schlicht und einfach erworben werden kann, wenn der Auszubildende bereits verhältnismäßig stark strukturiert ist, also mit zunehmendem Alter ...

Dagegen bin ich der Überzeugung, dass in den ersten Lebensmonaten und –jahren das soziale Lernen, nennen wir es Imitation, Modelllernen, etc. eine sehr wichtige Bedeutung einnimmt, wichtiger als beispielsweise eine richtige medikamentöse Einstellung, sage ich, wieder mit Ironie.

Ich bin nicht der Überzeugung, dass arme Menschen prinzipiell weniger ‚gute Eigenschaften’ haben als besser Situierte, diesbezüglich stimme ich Ihnen in Ihrer Aussage voll zu.

Interessant finde ich jedoch die Frage, wie mittels sozialem Verhalten der relevanten Umgebung so etwas wie ein ’Urvertrauen’ erworben werden kann oder wodurch ein Kind überhaupt dazu kommt, ein soziales Vertrauen zu entwickeln.

Meine These besteht darin, dass die ersten Lebensmonate von entscheidender Bedeutung für die ganze spätere Entwicklung des Menschen sind. Wenn das erste Jahr ohne schwerwiegende Traumatisierungen erlebt werden konnten, halte ich das für wunderbar; wenn die ersten zwei Jahre entsprechend erlebt werden konnten, halte ich das für besser, wenn die ersten drei Jahre entsprechend gut verlaufen sind, glaube ich, dass das Kind eine solide Basis hat, um belastenden Erlebnissen bereits in hervorragender Weise begegnen zu können.

Einigen potentiellen Traumata sind Kinder wie Eltern verhältnismäßig wehrlos ausgeliefert. Doch wie mit belastenden Lebenssituationen umgegangen wird, ist eine sehr faszinierende Frage.

Eine soziale Umgebung, die dem Kind ’gute Eigenschaften’ zur Seite stellt, ist vorteilhafter als eine, die weniger zu bieten hat.

Was hier unter der Variable ‚gute Eigenschaften’ zu verstehen ist, kann durchaus kontrovers diskutiert werden, immerhin leben wir nach Karl Popper in einer offenen Gesellschaft, immerhin leben wir in einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, also in einer toleranten Gesellschaft …

Ich bin der persönlichen Überzeugung, dass bestimmte durchaus relevante ‚gute Eigenschaften’ in einer günstig verlaufenden frühen Kindheitsphase erworben werden können.

Mit dem Pädagogen Suzuki stimme ich überein, dass das aufwachsende Kind aufgezogen werden kann und sich wie ein Samen, der in die Erde gesetzt wird, in hohem Maße selbst zu entwickeln vermag. Ebenfalls stimme ich mit Suzuki überein, dass es vorteilhaft sein kann, die Umgebung positiv zu gestalten, in der ein Kind aufwächst. So, wie ich die schriftlich aufgezeichneten Aussagen von Suzuki interpretiert habe, geht es bei einer empfehlenswerten Gestaltung der Umwelt eines aufwachsenden Kindes aber gerade n i c h t um Dressur, behavioristische Konditionierung, etc. Solches ist nach Suzuki ja gerade zu vermeiden.
Wer sich nur oberflächlich mit Suzuki auseinandergesetzt hat, erkennt nicht die immense Bedeutung, die Suzuki dem Wachsen lassen zumisst.

Dennoch beinhaltet der Verweis auf die landwirtschaftliche Metapher (Samen aussehen, gießen, etc) nicht, dass die soziale Umwelt vollkommen intentionslos mit dem Kinde umgehen sollte. Suzuki weist doch entschieden auf die Möglichkeit der Einflussnahme zur Gestaltung der Umwelt hin, in der die ‚junge Pflanze’ aufwachsen kann. Wer wollte den kräftigen Impuls derjenigen unterbinden wollen, die ihre eigenen Erfahrungen anderen (beispielsweise ihrem eigenen Kinde) zunutze kommen lassen wollen?

Genau an diesem Punkte sind viele Fragen noch zu diskutieren, etwa im Kontext von:

Elternrechte, Rechte des Staates, die gestalterische Kreativität all derjenigen, die sich nicht um ihre eigene Erziehung, sondern um die Erziehung anderer kümmern möchten …
Der Kampf um die Einflussnahme …

Soweit ich Suzuki interpretiert habe, und auf meine Interpretation kommt es mir hier an, versucht Suzuki dem aufwachsenden Kinde Möglichkeiten anzubieten, die das Kind annehmen kann, jedoch nicht annehmen muss! Suzukis Prinzip gerade bei den jungen Kindern ist absolut kein autoritäres. Das Kind soll mit Freude wählen, es soll nicht das wählen, was Suzuki will, jedoch wird ihm die Chance ermöglicht, dass kennen zu lernen und wählen zu können, was Suzuki ihm anbietet.

Suzukis Stil ist weder autoritär, noch laissez faire.
Suzukis Stil ist strukturiert, nicht unstrukturiert.
Suzukis Stil ist reflektiert, nicht unreflektiert.
Suzukis Stil ist eine freiwillige Zuwendung gekennzeichnet, welche sich weder kaufen lässt, noch verordnet werden kann.
Suzukis Stil bedarf einer freiwilligen Entscheidung.
Suzukis Stil bedarf einer Persönlichkeit, die sich um die eigene menschliche Weiterentwicklung bemüht und die es vermag, die Grenzen zu anderen anzuerkennen, statt übergriffig zu sein.

Soweit mein Interpretation dessen, was ich bei dem Pädagogen Shinichi Suzuki wertschätzend erachte.

Ob das eigene Handeln eines Menschen auch dem entspricht, was er schreibt, ist natürlich auch eine interessante Frage, der sich ebenfalls gewidmet werden darf.

 
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