2006/01/29

In seinem Buch 'Hear and Now'

fragt der Musikjournalist Peter Niklas Wilson Musiker nach der Präferenz: feste Gruppe oder ad-hoc-ensemble?

Wilson zitiert zu dieser Frage sowohl Derek Bailey (1) wie auch Alexander von Schlippenbach (2)

(1) "In dieser Musik habe ich immer die frühen Stadien der Entwicklung einer Gruppe als die lohnendsten empfunden. Wenn die Musik erst einmal ihre Identität zu dem Punkt verfestigt, wo sie der Selbst-Analyse, Beschreibung, und natürlich, Reproduktion zugänglich wird, verändert sich alles. Die Gruppe, die ihre Sachen zusammen hat, 'unsere Musik' entdeckt hat, erreicht ein Stadium, wo [...] die Musik weniger mit Improvisation zu tun hat."
(Derek Bailey, zitiert bei Wilson, 1999, 146)

(2) "Ich bin ein großer Freund von Derek Bailey, aber in dieser Hinsicht bin ich ganz anderer Ansicht. Das Improvisieren, wenn man sich überhaupt nicht kennt, ist ja nun das Einfachste auf der Welt, weil es völlig unverbindlich ist. Es kann gut gehen, und wenn es nicht gut geht, sagt man: 'Ging eben nicht. Macht ja auch nichts. Haben wir eben Pech gehabt.' Es ist natürlich sehr viel schwieriger, auf Dauer zusammenzuspielen, weil folgender Effekt eintritt: Es bilden sich gewisse Klischees heraus, gewisse Dinge, die von der Erwartung her eintreffen mögen; man stellt sich darauf ein, und die Musik bekommt eine bestimmte Richtung. Wenn man es aber fertig bringt, durch solche Phasen hindurchzugehen und sich kritisch genug damit auseinandersetzt, dann kann man einen Schritt weiterkommen. Und dann kriegt die Musik plötzlich einen festen Boden unter den Füßen, der ihr sonst meistens erst einmal fehlt. Darin sehe ich einen ganz großen Wert, wenn man es fertig bringt, solche Dinge weiterzuentwickeln, und zwar aus der Improvisation heraus."
(Alexander von Schlippenbach, zitiert a.a.O.)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es ist in der Tat wohl so dass bei einer festen Gruppe improvisation in ihrem ureigenen Sinne nicht mehr hinhaut, ich kann mir nicht vorstellen dass sich irgendjemand auf Dauer von den ungewollt entwickelten Klischees lossagen kann, das erscheint mir nur allzu unmoeglich.

gruesse

http://www.BeachMonster.de

Musiklabor hat gesagt…

Vielen Dank für Ihren Kommentar, ich freue mich sehr!
Das Konzept der Improvisation hat seinen ganz besonderen Reiz. Nicht alles muss improvisiert sein, die Arbeit im Vorfeld der Improvisation kann ja auch betrachtet werden.
Ein absoluter improvisatorischer Purismus widerspricht sich auf langer Sicht wohl auch selbst.
Ich finde es imponierend, wenn jemand improvisieren kann. Es könnte aber langweilig werden, wenn jemand unentwegt etwas Neues produzieren möchte. Wer sich exklusiv und ausschließlich nur dem Konzept der Improvisation verschreibt, verliert womöglich irgendwann die vitale Kraft, die gerade auch aus bzw. bei der Improvisation gewonnen werden kann. Manchmal bereitet es ja auch sehr viel Spass, auf selbst gesteckte Ziele hin zu arbeiten und in diesem Zusammenhang wird wohl auch das Verb 'erimprovisiert' benutzt. Ob Erarbeitetes dann unbedingt zum Klischee abgleiten muss, hoffe ich allerdings bezweifeln zu dürfen.

Gerade habe ich http://www.BeachMonster.de
besucht. Vielen Dank für den Tip, eine sehr reizvolle website von Matthias Schulte aus Essen, NRW!

 
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