2010/02/15

Bühnenbildner an der Kunstakademie Düsseldorf –
Im Spannungsfeld zwischen Theater und Kunst



Marius Baumgartner aus der Bühnenbild-Klasse von Karl Kneidl reflektiert über das Spannungsfeld zwischen Theater und Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf.



Fotos: Bühnenmodelle von Marius Baumgartner
zu "I Giganti della Montagna" von Luigi Pirandello
der 3. Akt ( im Maßstab 1:15)



MB: Die Bühnenbild-Klasse ist hier an der Akademie eine kleine Insel. Die Insel ist umgeben von bildender Kunst und dadurch immer potentiell bedroht. Es besteht also an der Akademie immer die Gefahr, als „Theatermacher“ von der reinen Kunst zu stark beeinflusst zu werden. Doch diese Bedrohung stellt auf der anderen Seite auch ein gewaltiges Potential dar. Denn im Widerstreit zwischen diesen beiden Kunstgattungen entsteht eine ungeheures Spannungsfeld, welches einen dazu bewegen kann, andere Lösungsansätze für ein Bühnenbild zu entwickeln, als es vielleicht sonst der Fall wäre.
Ich glaube vor allem an der Akademie ist das so, weil hier die Malerei und Bildhauerei die tonangebenden Medien sind. Dadurch wird unsere Identität als Theaterleute natürlich auf eine harte Probe gestellt, umso mehr ist es also von Nöten eine klare Haltung einzunehmen, damit man von der bildenden Kunst nicht verschluckt wird.
Das ist oft sehr schwer und gelingt leider nicht immer.



Wenn man bildende Kunst macht ist das eine andere Sprache, es stehen dabei meistens formal-ästhetische Erwägungen im Mittelpunkt .
Im Theater hingegen ist die Sprache und der Schauspieler das Wichtigste und dem hat sich das Bühnenbild nun mal unterzuordnen. Wenn also zuviel Kunst um einen herum ist, besteht die Gefahr, das aus den Augen zu verlieren, worum es beim Theater eigentlich geht.
Es ist mir äußerst wichtig diesen Unterschied zwischen Kunst und Theater hervorzuheben, was nicht heißt, dass man als Bühnenbildner keine Kunst machen darf, ganz im Gegenteil.
Man muss nur die Grenzen genau kennen. Sonst wird es gefährlich. Sonst entstehen komische Hybriden ohne klare Identität, die weder Fisch noch Fleisch sind. Das ist weder im Interesse des Theaters noch der Kunst. Wobei sich hingegen beim produktiven Austausch beider Kunstformen unglaubliche kreative Kräfte entfalten können.
Dafür gibt es ja in der Kunstgeschichte genügend Beispiele.
Und das meine ich mit dem Potential, das gleichzeitig eine Bedrohung darstellt. Aber das ist ein schmaler Grad.

GF: Wie sieht die Arbeit als Bühnenbildner aus?

MB: Man hat da ein Textmaterial von dem man ausgeht. Da ist ein Stück von Shakespeare oder Brecht, das man erstmal sehr genau liest. Jeder dramatische Stoff hat seine ihm eigene innewohnende Gesetzmäßigkeit. Es ist jedes Mal ein Kosmos, den man neu erkundet. Shakespeare oder Brecht. Das sind eigene Kontinente, die man da erforscht. Man beschäftigt sich mit der Zeit, in dem dieses Stück geschrieben worden ist. Welche Kunst hat es da gegeben? Welche historischen Ereignisse waren bedeutsam? Wie haben die Menschen gelebt? Welche Rituale hatten sie? Welche Mode hat man getragen? ...
Oft haben wir auch zusammen Filme geguckt, die in irgendeiner Weise etwas mit dem jeweiligen Stück zu tun haben. Nach diesem Textstudium sammelt man in frei assoziativer Weise die Gedanken und Ideen, die einen so durch den Kopf schießen. Man schleudert das, was man aufgesaugt hat, einfach gegen eine Wand und was dann „kleben“ bleibt ist wichtig (wie beim Brainstorming an einer Pinwand).
Und daraus entwickelt man Figur- und Raumentwürfe, die dann im Modell umgesetzt werden. In diesem Modell machen wir Vorschläge für die Inszenierung. Und mit dieser Konzeption gehen wir natürlich zum Regisseur und zu den Schauspielern und fangen an, das mit denen zu besprechen. Der Regisseur und die Schauspieler können die Vorschläge annehmen oder verwerfen. Und dann fängt die eigentliche Theaterarbeit erst an. Ich sage mal: 30 % erfolgt im Atelier und 70% findet im Theater statt, wo wir in Interaktion mit Regisseur und Schauspielern die Inszenierung entwickeln und ca. zwei Monate proben bis zur Premiere.

GF: Und woher kommt der Auftrag? Man fängt nicht an, bevor man einen bestimmten Auftrag hat?



MB: Man arbeitet mit einem bestimmten Regisseur zusammen, der natürlich bestimmte Vorstellungen hat. Man arbeitet an einem bestimmten Stück. In der Klasse von Karl Kneidl war es oft so, dass er seine Studenten mit ins Theater genommen hat. Man hat mit ihm zusammen gearbeitet. Vom ersten Modellentwurf über die Proben bis hin zur Premiere hat man an diesem Prozess mitgewirkt. Das war, glaube ich, etwas sehr Besonderes. Er hat viele seiner Studenten oft sehr stark in seine Arbeit miteinbezogen. Das machte das alles so intensiv. Dabei fand dann auch die eigentliche Ausbildung statt. Also das, was Du bei ihm wirklich lernen konntest war mit ins Theater zu gehen und zu erleben was Theater wirklich bedeutet.
Das ist das, was du in der Bühnenbild Klasse wirklich lernen konntest.

GF: Wie groß ist die Klasse?

MB: Das schwankt immer. Zwischen 11 und 15 Leuten.

GF: Und die gehen dann immer mit ins Theater?

MB: Nein nicht alle,…viele hauen auch wieder ab weil sie merken, mit dem Theater ist das nichts für sie.
Aber das ist der eigentliche Teil der Ausbildung, dass es zum größten Teil einfach im Theater stattfindet und nicht im Atelier. Der Maler, der sitzt im Atelier und hockt vor der leeren Leinwand. Und der Bühnenbildner kann seine Kunst nur im Theater machen. Und da wird seine Kunst erst wirklich lebendig. Und ganz andere Fragen sind natürlich dann von Bedeutung, als wenn man vor einer leeren Leinwand sitzt.

GF: Ich kann mir dass jetzt nicht so vorstellen. Wer spielt da alles eine Rolle bei der Gestaltung?

MB: Im Mittelpunkt stehen natürlich die Schauspieler. Und das ist ja auch das, was der Regisseur letzten Endes irgendwie macht: Er versucht ein Konzept zu entwickeln, indem die Schauspieler „als Träger der Sprache“’ ihre größtmögliche Wirkung entfalten können, also ein Sprungbrett zu entwickeln für die Schauspieler und für die Sprache. Das ist auch die Aufgabe des Regisseurs. Er ist ja auch einer, der eher im Hintergrund bleibt. Der Regisseur ist wie der Bühnenbilder ein Mann des Hintergrundes und die Schauspieler sind die Stars.

GF: Ist das meist ein offener Prozess, in dem sich das entwickelt?



MB: Man kann es irgendwie auch so beschreiben: Der Regisseur ruft an. Er hat seinen Bühnenbildner und will mit Dir das und das Stück machen. Du setzt dich ein, zwei Monate ins Atelier und arbeitest irgendwie und machst einen Vorschlag. Man kann immer nur Vorschläge machen … irgendwie. Und dann muss man gucken wie der Regisseur und die Schauspieler das annehmen. Und mit diesen Kostümentwürfen und Bühnenentwürfen und mit dem Modell tingelt man dann zu dem Regisseur. Und der reagiert darauf. Also es ist immer so ein Prozess, in dem man aufeinander reagiert. Man kann das nicht alleine machen. Es ist immer vom Ganzen abhängig: Wie reagiert der Regisseur darauf und vor allem wie reagiert der Schauspieler darauf. Also man kann zum Beispiel eine geile Bühne machen oder einen geilen Kostümentwurf machen. Aber wenn der Schauspieler keinen Bock darauf hat das anzuziehen oder keinen Bock auf diesen blöden Kasten hat, den du für ihn gebaut hast, dann hat der Bühnenbildner Scheiße gebaut. Wenn es aber dabei bleibt; -und der Raum den du gebaut hast, den Schauspieler nicht inspirieren kann, dann bringt dir die genialste abstrakte Idee nichts, die du dir im Atelier ausgedacht hast. So kann man es eigentlich auch auf dem Punkt bringen.



Was ich damit sagen will und im Theater einfach total wichtig ist: dass es immer nur in Zusammenarbeit mit den anderen entstehen kann. Mit dem Regisseur, dem Schauspieler, dem Dramaturgen usw. Den gibt es ja auch noch. Der Dramaturg, das ist die intellektuelle Instanz, die den Regisseur und die Schauspieler füttert und der schaut, dass du z.B. die Sprache des alten Shakespeares nicht verhutzelst. Wir füttern den Regisseur mit Räumen, Bildern und Kostümen, der Dramaturg füttert ihn mit intellektuellen Stoff und geschichtlichen Bezügen. Der Regisseur vermittelt daraus ein Konzept, in dem sich die Schauspieler frei entfalten können und mit dem versucht wird, sie zu ihrer größtmöglichen Wirkung zu bringen, in ihrer Präsenz und ihrer Sprache.

(Die Fotos in diesem Beitrag sind von Marius Baumgartner)

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